„Kryal. Vom Verschwinden des Eises“. Lena von Goedeke & Thomas Wrede

Das Otto Modersohn Museum Tecklenburg widmet sich mit seiner neuen Ausstellung „Kryal. Vom Verschwinden des Eises“ (30.04. – 25.09.2022) einem hochaktuellen Thema. Kryal bezeichnet in der Ökologie den Lebensraum von Schnee und Gletscher. Mit der Bildhauerin Lena von Goedeke und dem Fotografen Thomas Wrede setzen sich zwei Zeugen der Transformation und des Verschwindens dieses einzigartigen und fragilen Lebensraums auseinander. Ihre auf zahlreichen Expeditionen in das Eis der Arktis und der Alpengletscher entstandenen Werke sind komplexe und intensive Zeugnisse der verheerenden Zustände dort, wo sich unsere Welt in einem besonders offenkundigen Wandel befindet. Sie liefern uns dialogisch-zweistimmig aufwühlende Zeitdokumente des Anthropozäns und weisen die so maßgeblich durch den Menschen verursachten globalen klimatischen Auswirkungen auf die lokalen Biosphären nach.

Die Faszination für Gletscher, das Eis und die Regionen, in denen sie vorkommen, hat eine lange Geschichte. Sie waren bereits populäre Motive der Romantik, viele Schriftsteller und Künstler setzten sich damit auseinander, brachten sie somit in eine breitere gesellschaftliche Wahrnehmung und ließen ein gesteigertes Interesse, dort hinzureisen, aufkommen. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts kann man von einem Massentourismus in die Gletscherregionen der Erde sprechen, der sich ungebrochen weiterentwickelt. Die kalten Lebensräume wurden und werden zu Attraktionen, die Mehrwert generieren, anstatt als wesentlicher Teil unseres globalen menschlichen Lebensraums verstanden zu werden – der nur lebt, überlebt, wenn wir ihm fernbleiben. Bizarrer Auswuchs dieses Verhaltens: Die bei vielen Menschen mittlerweile im Bewusstsein verinnerlichte Endlichkeit des ehemals ewigen Eises hat das touristische Angebot eines Climate Change Tourism ins Leben gerufen, der große Besucherströme einen ‚letzten Blick‘ auf die Ruinen der gefrorenen Schönheit werfen lässt.

Lena von Goedeke hinterfragt ihre physischen, visuellen und ästhetischen Erfahrungen auf ihren Reisen im Hinblick auf Wahrheit und sozial-mediale Inszenierung der Arktis als Ausdruck des Unwiederbringlichen. Ihr individuell künstlerischer Blick und die extreme körperliche Auseinandersetzung im Kontakt mit dem fremdartigen eisigen Lebensraum sind wesentliche Bestandteile ihrer Neubewertung scheinbar gewohnter Bilder der Gletscher unseres Planeten; jenseits aller bisher reproduzierten Klischees. Sie interessieren geologische Zusammenhänge, sinnliche Wahrnehmungen und ihre Überführung in eine reflektierte Künstlichkeit, indem sie ihre eigene Identität im Zusammenhang mit diesem herausfordernden Umland befragt.

In immersiven Panaromen und sensiblen Details bildet Thomas Wrede die befremdliche ästhetische Qualität der sterbenden Gletscher der Alpen fotografisch ab. Er führt in seinen 2017 begonnenen Fotoserien transformatorische Prozesse und sich potenzierende Naturphänomene dieses Areals vor.   Es sind Bilder zwischen Dokumentation und subjektivem Sehen, die das Natürliche und das Künstliche verschmelzen lassen. Seine Zeugnisse zeigen auf, dass die Klimakrise und die damit einhergehenden – nicht nur landschaftlichen – Veränderungen sich bereits sehr nahe, mittlerweile in Europa, abspielen.