Beck-Nolde | Das Geheimnis der Farbe

Im Jahre 1952 kam es in der renommierten Hamburger Galerie Commeter für den aufstrebenden Maler Herbert Beck (*1920 Leipzig, ⴕ2010 Tegernsee) zu der richtungsweisenden Begegnung mit dem 85-jährigen Malerfürsten Emil Nolde

(* 1867 Nolde, ⴕ1956 Seebüll) . Die Galerie, die beide Künstler vertrat, präsentierte gerade eine Einzelausstellung Becks, als der bereits arrivierte Künstler als unerwarteter Besucher eintrat. Dass der bekannte Expressionist Nolde dem jungen Maler nicht nur Aufmerksamkeit zollte, sondern ihm in einer mitgebrachten Mappe seine eigenen Aquarelle zeigte, beeindruckte und beeinflusste Beck nachhaltig. Die weiten Landschaften, Wolkengebilde und Blumenkompositionen strahlten mit einer unglaublichen Intensität und hinterließen einen tiefen Eindruck auf Beck. „Noldes glühende Farbigkeit zu erreichen, war das Ziel unzähliger Studien. Es gelang mir im Laufe der Zeit, meine Bildnisse expressiv, farbstark zu malen, ohne bunt zu werden“, schrieb Beck später.

Die Gegenüberstellung zweier Meister der Aquarellmalerei in der Tecklenburger Ausstellung zeigt die einzigartige Klasse Emil Noldes, aber ebenso Becks Weiterführung dieser expressiven Malerei in neue gestalterische und inhaltliche Bereiche. Beide Künstler waren stets dem Gegenstand verpflichtet, und im Mittelpunkt ihres Schaffens stand die Maxime, den höchstmöglichen Ausdruck ihrer Inhalte zu gestalten.

Herbert Beck hat die außergewöhnliche Aquarelltechnik des 53 Jahre älteren Mit-Begründers des deutschen Expressionismus weiterentwickelt und zu einer eigenen Sprache gebracht.

Während Emil Nolde auf feinem Japanpapier aquarellierte, verwendete Beck einen festen Büttenkarton, den er hell grundierte. Das Medium Aquarell bedeutete für beide ein freieres Arbeiten im Verschwimmenlassen der Farben und Überarbeiten sowie in dem prozesshaften Entstehen.

Ein Leuchten der Farbwelten von innen heraus zu schaffen, vermochten beide meisterlich.

Bei aller Nachbarschaft zum Werk Emil Noldes setzte Herbert Beck auch gänzlich andere Themenschwerpunkte. Ist der Norddeutsche Nolde seiner Heimat motivisch erkennbar eng verbunden, gibt es bei Beck im Gegensatz dazu keine klaren topografischen Anhaltspunkte, die man zuordnen könnte; geht es ihm doch mehr um  ‚Seelenlandschaften‘.

Emil Nolde blieb in seinem Kosmos der Farbvirtuosität und Schönheit, obwohl er Zeitzeuge zweier Weltkriege war. Seine längst überfällig aufgearbeitete Nähe zur NS-Ideologie, sein berechnendes Kreieren des eigenen Mythos‘, das auch vor Unwahrheiten nicht zurückschreckte, lässt ihn menschlich in einem bedenklichen Licht erscheinen, die außergewöhnliche Qualität seiner Kunst vermag es nicht zu schmälern. Aber seine Themenwelten versuchten keinen gesellschaftlichen Diskurs. Anders bei Beck, den seine persönlichen Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg nie ganz verlassen haben. Seine Auseinandersetzung mit der Geschichte und gesellschaftlich relevanten, auch überzeitlichen Thematiken zeigen sich etwa in seiner Arbeit „Kleine Giftgasfabrik“ und in seinen „Köpfen“, die, still und unbeweglich, Auge-in-Auge den Betrachter ansehen: Täter und Opfer, Opfer und Täter – als Selbstreflexion.

Die Ausstellung im Otto Modersohn Museum vereint 40 Werke Becks und 10 Aquarelle Noldes, Landschaftliches und Figuratives in magischen Farbwelten zweier Könner.

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